Epistula 1, 11

Quid tibi uisa Chios, Bullati, notaque Lesbos,
quid concinna Samos, quid Croesi regia Sardis,
Zmyrna quid et Colophon? Maiora minoraue fama,
cunctane prae Campo et Tiberino flumine sordent?
5 An uenit in uotum Attalicis ex urbibus una?
Wie fandest du Chios, lieber Bullatius, und das berühmte Lesbos,
das kunstvolle Samos, Sardinien, das Königreich des Croesus,
Smyrna und Colophon? Sind sie größer oder kleiner als ihr Ruf,
sind sie alle nichts im Vergleich mit dem Marsfeld und dem Tiberstrom?
Oder kommt eine dieser Städte des Attalos in Frage?

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Epistula 1, 10

Vrbis amatorem Fuscum saluere iubemus
ruris amatores, hac in re scilicet una
multum dissimiles, ad cetera paene gemelli
fraternis animis, quicquid negat alter, et alter,
5 adnuimus pariter, uetuli notique columbi.
Den Stadtliebhaber Fuscus will ich begrüßen, ich,
der Landliebhaber, in dieser einen Sache sind wir ja so
unterschiedlich, in allen anderen quasi Zwillinge
von brüderlichem Geiste; was der eine nicht mag, mag auch der andere nicht,
finden wir etwas gut, dann beide, wie alte, einander bekannte Tauben.

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Epistula 1, 9

Septimius, Claudi, nimirum intellegit unus,
quanti me facias; nam cum rogat et prece cogit,
scilicet ut tibi se laudare et tradere coner,
dignum mente domoque legentis honesta Neronis,
5 munere cum fungi propioris censet amici,
quid possim uidet ac nouit me ualdius ipso.
Septimius, lieber Claudius, versteht wohl als Einziger wirklich,
wie viel du dir aus mir machst; denn jedesmal wenn er fragt und mich durch seine Bitten zwingt,
dass ich versuche, ihn dir gegenüber zu loben und ihn dir zu empfehlen,
dass er der Bekanntschaft und des Hauses des Ehrbares auswählenden Nero würdig sei,
wenn er glaubt, ich führte den Dienst eines nahestehenden Freundes aus,
dann sieht er genauer, was ich kann, und kennt mich besser als ich selbst.

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Epistula 1, 7

Quinque dies tibi pollicitus me rure futurum,
Sextilem totum mendax desideror. Atqui,
si me uiuere uis sanum recteque ualentem,
quam mihi das aegro, dabis aegrotare timenti,
5 Maecenas, ueniam, dum ficus prima calorque
dissignatorem decorat lictoribus atris,
dum pueris omnis pater et matercula pallet.
Fünf Tage, versprach ich dir, würde ich auf dem Land bleiben,
und breche mein Wort, da ich den ganzen Sextilis erwartet werde. Aber,
wenn du willst dass ich gesund lebe und es mir richtig gut geht,
dann wirst du mir, wenn ich Angst habe, krank zu werden, die gleiche Nachsicht gewähren,
die du mir gewährst, wenn ich krank bin, Maecenas, während die Feige und die erste Hitze
den Leichenbestatter mit seinen schwarzen Liktoren schmücken,
während jeder Vater und jedes Mütterchen wegen ihrer Kinder erbleichen.

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Epistula 1, 6

Nil admirari prope res est una, Numici,
solaque quae possit facere et seruare beatum.
Hunc solem et stellas et decedentia certis
tempora momentis sunt qui formidine nulla
5 imbuti spectent. Quid censes munera terrae,
quid maris extremos Arabas ditantis et Indos?
Ludicra quid, plausus et amici dona Quiritis?
Quo spectanda modo, quo sensu credis et ore?
Nichts zu bewundern ist die vermutlich die eine Sache, Numicius,
und die einzige, die einen glücklich machen und glücklich bleiben lassen kann.
Diese Sonne und die Sterne und den Ablauf der Jahreszeiten nach festen
Regeln sind Dinge, die man ohne von Angst erfüllt zu sein
betrachten soll. Was denkst du über die Gaben der Erde,
was über die des Meeres, die die Araber und Inder am Ende der Welt reich machen?
Was denkst du über die Spiele, den Applaus, die Geschenke der freundlichen Quiriten?
Auf welche Weise soll man sie anschauen, mit welcher Empfindung und welchem Gesichtsausdruck?

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Epistula 1, 5

Si potes Archiacis conuiua recumbere lectis
nec modica cenare times holus omne patella,
supremo te sole domi, Torquate, manebo.
Vina bibes iterum Tauro diffusa palustris
5 inter Minturnas Sinuessanumque Petrinum.
Si melius quid habes, arcesse uel imperium fer.
Iamdudum splendet focus et tibi munda supellex.
Wenn du dich zurücklehnen kannst als Gast auf einer Liege wie Archias,
und keine Angst hast, aus einer einfachen Schale, nur mit Gemüse, zu speisen,
dann werde ich dich, Torquatus, beim letzten Sonnenlicht zuhause erwarten.
Wein sollst du trinken, der im zweiten Konsulat des Taurus verkorkt wurde im Sumpf
zwischen Minturnae und dem sinessanischen Petrinum.
Wenn du etwas Besseres hast, bring es mit oder halte dich an meine Anweisung.
Schon lange glänzen mein Ofen und poliertes Besteck für dich.

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Epistula 1, 4

Albi, nostrorum sermonum candide iudex,
quid nunc te dicam facere in regione Pedana?
Scribere quod Cassi Parmensis opuscula uincat,
an tacitum siluas inter reptare salubris,
5 curantem quicquid dignum sapiente bonoque est?
Albius, du aufrichtiger Richter meiner Gedichte,
was soll ich nun sagen, was du in der Gegend von Pedum machst?
Dass du etwas schreibst, das des Cassius von Parma kleine Stücke überragt,
oder dass du schweigsam durch die gesunden Wälder kriechst,
oder dass du dich um irgendetwas kümmerst, das eine Weisen und Guten würdig ist?

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Epistula 1, 3

Iule Flore, quibus terrarum militet oris
Claudius Augusti priuignus, scire laboro.
Thracane uos Hebrusque niuali compede uinctus,
an freta uicinas inter currentia turris,
5 an pingues Asiae campi collesque morantur?
Iulius Florus! An welchen Rändern der Welt der Claudius,
des Augustus Stiefsohn, als Soldat unterwegs ist – das möcht ich unbedingt wissen.
Haltet ihr euch in Thrakien, am schneeumfesselten Hebrus auf,
oder zwischen benachbarten Türmen in den reißenden Meerengen,
oder gar in den fruchtbaren Feldern und Bergen Asiens?

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