Epistula 1, 11

Quid tibi uisa Chios, Bullati, notaque Lesbos,
quid concinna Samos, quid Croesi regia Sardis,
Zmyrna quid et Colophon? Maiora minoraue fama,
cunctane prae Campo et Tiberino flumine sordent?
5 An uenit in uotum Attalicis ex urbibus una?
Wie fandest du Chios, lieber Bullatius, und das berühmte Lesbos,
das kunstvolle Samos, Sardinien, das Königreich des Croesus,
Smyrna und Colophon? Sind sie größer oder kleiner als ihr Ruf,
sind sie alle nichts im Vergleich mit dem Marsfeld und dem Tiberstrom?
Oder kommt eine dieser Städte des Attalos in Frage?

An Lebedum laudas odio maris atque uiarum?
Scis Lebedus quid sit: Gabiis desertior atque
Fidenis uicus; tamen illic uiuere uellem,
oblitusque meorum, obliuiscendus et illis,
10 Neptunum procul e terra spectare furentem.
Sed neque qui Capua Romam petit, imbre lutoque
aspersus uolet in caupona uiuere; nec qui
frigus collegit, furnos et balnea laudat
ut fortunatam plene praestantia uitam;
15 nec si te ualidus iactauerit Auster in alto,
idcirco nauem trans Aegaeum mare uendas.
Lobst du vielleicht Lebedos, weil du Meer und Straßen hasst?
Du weißt, was Lebedos ist: ein noch einsameres Dorf als Gabii und
Fidenae; dennoch möcht ich dort gern leben,
meine Freunde vergessen, von ihnen vergessen werden,
und dem in der Ferne wütenden Neptun vom Land her zusehen.
Aber auch niemand, der von Capua nach Rom reist und vom Regen und vom Schlamm
bespritzt wird, der wird in einer Kneipe leben wollen; und wer
sich in der Kälte aufgehalten hat, wird Ofen und Bäder auch nicht so sehr loben,
dass sie ein rundum zufriedenes Leben gewähren könnten;
und wenn dich ein strammer Südwind weit aufs Meer hinauswirft,
wirst du deshalb das Schiff nicht jenseits des ägäischen Meeres verkaufen.

Incolumi Rhodos et Mytilene pulchra facit quod
paenula solstitio, campestre niualibus auris,
per brumam Tiberis, Sextili mense caminus.
20 Dum licet ac uoltum seruat Fortuna benignum,
Romae laudetur Samos et Chios et Rhodos absens.
Einem Vernünftigen bedeuten Rhodos und das schöne Mytilene soviel wie
ein Mantel im Hochsommer, ein Kampfschurz im Schneegestöber,
der Tiber zur Wintersonnenwende, oder ein Kamin im Sextilis.
Solange es erlaubt ist und Fortuna ihre wohlwollende Miene wahrt,
sollen Samos, Chios und Rhodos in Rom gelobt werden – sie sind ja woanders.

Tu quamcumque deus tibi fortunauerit horam
grata sume manu neu dulcia differ in annum,
ut quocumque loco fueris uixisse libenter
25 te dicas; nam si ratio et prudentia curas,
non locus effusi late maris arbiter aufert,
caelum, non animum mutant, qui trans mare currunt.
Strenua nos exercet inertia; nauibus atque
quadrigis petimus bene uiuere. Quod petis, hic est,
30 est Vlubris, animus si te non deficit aequus.
Wann immer dir ein Gott eine schöne Stunde gewährt hat,
ergreif sie mit dankbarer Hand und verschiebe Schönes nicht aufs nächste Jahr,
damit du sagen kannst, dass du – an welchem Ort auch immer du gewesen bist –
gerne gelebt hast; denn wenn Vernunft und Klugheit,
und nicht weit entfernter Ort übers riesige Meer wie ein Richter, die Sorgen wegnehmen,
dann wechseln die Leute zwar das Wetter, aber nicht ihre Stimmung, die über das Meer eilen.
Eifrige Faulheit plagt uns; auf Schiffen und
Pferdewagen versuchen wir, gut zu leben. Was du suchst, das ist hier,
das ist in Ulubrae, wenn dir ein ausgeglichener Geist nicht fehlt.

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