De coniuratione Catilinae 11 – 15

Zu diesem Werk gibt es ein Spezialvokabular zur Vorbereitung.

[11] Sed primo magis ambitio quam avaritia animos hominum exercebat, quod tamen vitium propius virtutem erat. Nam gloriam, honorem, imperium bonus et ignavus aeque sibi exoptant; sed ille vera via nititur, huic quia bonae artes desunt, dolis atque fallaciis contendit. Avaritia pecuniae studium habet, quam nemo sapiens concupivit: ea quasi venenis malis inbuta corpus animumque virilem effeminat, semper infinita, insatiabilis est, neque copia neque inopia minuitur. Sed postquam L. Sulla armis recepta re publica bonis initiis malos eventus habuit, rapere omnes, omnes trahere, domum alius, alius agros cupere, neque modum neque modestiam victores habere, foeda crudeliaque in civis facinora facere. Huc accedebat, quod L. Sulla exercitum, quem in Asia ductaverat, quo sibi fidum faceret, contra morem maiorum luxuriose nimisque liberaliter habuerat. Loca amoena, voluptaria facile in otio ferocis militum animos molliverant. Ibi primum insuevit exercitus populi Romani amare, potare, signa, tabulas pictas, vasa caelata mirari, ea privatim et publice rapere, delubra spoliare, sacra profanaque omnia polluere. Igitur ii milites, postquam victoriam adepti sunt, nihil reliqui victis fecere. Quippe secundae res sapientium animos fatigant: ne illi corruptis moribus victoriae temperarent. Aber anfangs beschäftigte eher Ehrgeiz als Geldgier die Herzen der Menschen, weil dieser Makel noch näher an der Tugend war. Denn Ruhm, Ehre und Herrschaft wünschten sich der Gute und der Unfähige gleichermaßen; aber der eine bemühte sich um den rechten Weg, und weil dem anderen die guten Fähigkeiten fehlten, bemühte er sich durch Listen und Betrügereien. Gier nach Geld, welche niemand, der Weise ist, ernstlich würnschen kann, besitzt „Eifer“: sie verweichlicht den Körper und das männliche Herz, als sei sie mit üblem Gift getränkt, ist immer endlos und maßlos und weder durch Reichtum noch durch Armut wird sie vermindert. Aber nachdem Lucius Sulla den Staat durch Waffengewalt beherrscht hatte und nach guten Anfängen schlechte Ergebnisse hervorgebracht hatte, plünderten alle, rafften alles an sich, begehrten des einen Haus, des anderen Land, Sieger kannten weder Maß noch Mäßigung, und hässliche und grausame Verbrechen begingen sie gegen die Bürger. Dem kam noch hinzu, dass Lucius Sulla das Heer, das er nach Asien geführt hatte, um sich seiner Treue zu versichern, gegen die Sitte der Vorfahren ausschweifend und zu freizügig führte. Schöne Orte und Vergnügen erweichten die wilden Herzen der Soldaten in Muße. Dort gewöhnte sich das Heer des römischen Volkes zum ersten Mal daran zu lieben, zu zechen, Feldzeichen und Gemälde und verzierte Vasen zu bewundern, sie heimlich und offen zu rauben, Tempel zu schänden und alle heiligen und weltlichen Dinge zu entehren. So handelten diese Soldaten, nachdem sie den Sieg davongetragen hatten, und ließen den Besiegten nichts zurück. Die glücklichen Umstände ermüdeten sogar die Herzen der Weisen, geschweige dass sie sich bei ihren verdorbenen Sitten bei einem Sieg hätten mäßigen können.
[12] Postquam divitiae honori esse coepere et eas gloria, imperium, potentia sequebatur, hebescere virtus, paupertas probro haberi, innocentia pro malevolentia duci coepit. Igitur ex divitiis iuventutem luxuria atque avaritia cum superbia invasere: rapere, consumere, sua parvi pendere, aliena cupere, pudorem, pudicitiam, divina atque humana promiscua, nihil pensi neque moderati habere. Operae pretium est, cum domos atque villas cognoveris in urbium modum exaedificatas, visere templa deorum, quae nostri maiores, religiosissumi mortales, fecere. Verum illi delubra deorum pietate, domos suas gloria decorabant neque victis quicquam praeter iniuriae licentiam eripiebant. At hi contra, ignavissumi homines, per summum scelus omnia ea sociis adimere, quae fortissumi viri victores reliquerant: proinde quasi iniuriam facere id demum esset imperio uti. Nachdem Reichtum angefangen hatte, als Ehre zu gelten, und Ruhm, Herrschaft und Macht ihm folgten, stumpfte die Tugend ab, wurde der Bescheidene arm, und Uneigennützigkeit begann, für Mißgunst gehalten zu werden. Also ergriffen, ausgehend vom Reichtum, die Verschwendungssucht und die Gier, gemeinsam mit dem Hochmut, die Jugend: sie raubten und verschwendeten, achteten den eigenen Besitz minder, begehrten aber fremden, und besaßen weder schwer beladen noch in Maßen Scham, Sittsamkeit und hielten göttliche und menschliche Belange für einerlei. Die Mühe lohnt sich – weil man die Häuser und Villen erkennen kann, die nach der Art der Stadt gebaut wurden -, die Tempel der Götter zu besuchen, welche unsere Vorfahren, höchst fromme Menschen, gebaut haben. Aber jene schmückten ihre Tempel aus Liebe zu den Göttern und ihre Häuser wegen des Ruhms, und sie raubten den Besiegten nichts außer der Gelegenheit zum Unrecht. Aber jene hingegen, höchst faule Menschen, raubten durch größtes Verbrechen ihren Bundesgenossen all das, was höchst tapfere Männer ihnen als Sieger zurückgelassen hatten: daher war das Begehen von Unrecht und das Ausüben von Herrschaft schließlich dasselbe.
[13] Nam quid ea memorem, quae nisi iis, qui videre, nemini credibilia sunt: a privatis compluribus subvorsos montis, maria constrata esse? Quibus mihi videntur ludibrio fuisse divitiae: quippe, quas honeste habere licebat, abuti per turpitudinem properabant. Sed lubido stupri, ganeae ceterique cultus non minor incesserat: viri muliebria pati, mulieres pudicitiam in propatulo habere; vescendi causa terra marique omnia exquirere; dormire prius, quam somni cupido esset; non famem aut sitim, neque frigus neque lassitudinem opperiri, sed omnia luxu antecapere. Haec iuventutem, ubi familiares opes defecerant, ad facinora incendebant: animus inbutus malis artibus haud facile lubidinibus carebat; eo profusius omnibus modis quaestui atque sumptui deditus erat. Denn wozu soll ich erwähnen, was niemandem außer denen, die es sahen, glaubwürdig scheint: dass von Privatmännern etliche Berge vernichtet wurden und Meere überdeckt wurden? Die Leute scheinen mir den Reichtum verspottet zu haben: denn sie beeilten sich, diesen Reichtum, den sie ehrenhaft besitzen durften, mit Schändlichkeit zu missbrauchen. Aber die Lust auf Schändlichkeit, Erfrischung und anderen Üppigkeiten trat hier nicht weniger ein: die Männer duldeten Weibisches, die Frauen trugen ihre Keuschheit zur Schau; um zu schlemmen, erforschten sie alles Land und Meer; sie gingen früher schlafen, als ein Wunsch nach Schlaf eintrat; nicht Hunger und Durst, nicht Kälte und Müdigkeit warteten sie ab, sondern sie kamen allem durch Ausschweifung zuvor. Jene Dinge stachelten die Jugend, sobald das Erbe durchgebracht war, zu Verbrechen an: ihr Herz war getränkt mit üblen Künsten und wurde nur unter Mühe frei von Begierden; es war daher in jeder Weise ziemlich maßlos Verlangen und Verbrauch ausgeliefert.
[14] In tanta tamque corrupta civitate Catilina, id quod factu facillumum erat, omnium flagitiorum atque facinorum circum se tamquam stipatorum catervas habebat. Nam quicumque inpudicus, adulter, ganeo, manu, ventre, pene bona patria laceraverat quique alienum aes grande conflaverat, quo flagitium aut facinus redimeret, praeterea omnes undique parricidae, sacrilegi, convicti iudiciis aut pro factis iudicium timentes, ad hoc, quos manus atque lingua periurio aut sanguine civili alebat, postremo omnes, quos flagitium, egestas, conscius animus exagitabat, ii Catilinae proxumi familiaresque erant. Quod si quis etiam a culpa vacuus in amicitiam eius inciderat, cotidiano usu atque illecebris facile par similisque ceteris efficiebatur. Sed maxume adulescentium familiaritates adpetebat: eorum animi molles etiam et fluxi dolis haud difficulter capiebantur. Nam ut cuiusque studium ex aetate flagrabat, aliis scorta praebere, aliis canes atque equos mercari; postremo neque sumptui neque modestiae suae parcere, dum illos obnoxios fidosque sibi faceret. Scio fuisse nonnullos, qui ita existumarent: iuventutem, quae domum Catilinae frequentabat, parum honeste pudicitiam habuisse; sed ex aliis rebus magis quam quod cuiquam id compertum foret, haec fama valebat. In einer so beschaffenen, so verdorbenen Gesellschaft versammelte Catilina – was dort äußerst einfach war – eine Schar von Schandbuben und Verbrechern wie Leibwächter um sich. Denn wer auch immer an schamlosen ehebrecherischen Geldverschwendern – sei es mit der Hand, sei es mit dem Bauch – das Erbe durchgebracht hatte, wer große Schulden angehäuft hatte, um sich von einer Schandtat oder einem Verbrechen freizukaufen, außerdem alle Mörder von überall her, Tempelschänder, von Gerichten verurteilte oder für ihre Taten einen Richtspruch fürchtende, dazu noch die, welche sich mit den Händen durch bürgerliches Blut oder mit der Zunge durch Meineid ernährten, schließlich alle, die von Schandtat, Armut oder einem daran beteiligten Herzen geplagt waren, – diese Leute waren Catilinas beste Freunde und standen ihm am nächsten. Wenn aber jemand auch frei von Schuld mit ihm in Freundschaft geraten war, wurde er durch den täglichen Umgang und seine Verlockungen leicht den Übrigen ähnlich gemacht. Aber am meisten erstrebte er die Verbundenheit mit der Jugend: Deren Herzen waren weich und waren sehr leicht durch Listen beeinflussbar. Denn sobald der Eifer eines jeden wegen seines Alters aufloderte, gewährte er den einen Huren, den anderen drehte er Hunde und Pferde an; schließlich schonte er weder Ausgaben noch seine Mäßigung, wenn er sie abhängig und sich treu machte. Ich weiß, dass es einige gab, die so dachten: die Jugend, die das Haus Catilinas regelmäßig besuchte, besaß ehrlich zu wenig Anstand; aber dieses Gerücht entstand eher aus anderen Gründen, als dass irgendjemand das genau gewusst hätte.
[15] Iam primum adulescens Catilina multa nefanda stupra fecerat, cum virgine nobili, cum sacerdote Vestae, alia huiusce modi contra ius fasque. Postremo captus amore Aureliae Orestillae, cuius praeter formam nihil umquam bonus laudavit, quod ea nubere illi dubitabat timens privignum adulta aetate, pro certo creditur necato filio vacuam domum scelestis nuptiis fecisse. Quae quidem res mihi in primis videtur causa fuisse facinus maturandi. Namque animus inpurus, dis hominibusque infestus, neque vigiliis neque quietibus sedari poterat: ita conscientia mentem excitam vastabat. Igitur color ei exsanguis, foedi oculi, citus modo, modo tardus incessus: prorsus in facie vultuque vecordia inerat. Schon gleich in der Jugend beging Catilina viel unanständige Hurerei, mit einer adligen Frau, mit einer Priesterin der Vesta, und andere Dinge dieser Art gegen menschliches und göttliches Gesetz. Schließlich verliebte er sich in die Aurelia Orestilla, an der – außer ihrer Schönheit – kein guter Mann jemals etwas gelobt hat, und weil sie zögerte, ihn zu heiraten, da sie den erwachsenen Sohn Catilinas fürchtete, glaubt man mit Sicherheit, dass er sein Haus durch einen Mord an seinem Sohn für diese verbrecherische Ehe freigeräumt habe. Jene Sache scheint mir freilich besonders ein Grund für seine ansteigende Verbrecherkarriere gewesen zu sein. Denn sein unanständiges Herz, reich und feindselig gegenüber den Menschen, konnte sich weder wach noch schlafend beruhigen: so sehr verwüstete sein Wissen (um Verbrechen) seinen aufgescheuchten Geist. Daher wurde seine Gesichtsfarbe bleich, sein Blick verächtlich, bewegte er sich bald flink, bald träge: Wahnsinn wohnte gänzlich in seinen Zügen und in seinem Gesichtsausdruck.

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