Metrik: Horaz

Die lateinische Metrik ist ein ziemlich großes Feld. Heute Abend habe ich versucht, ein paar Horaz-Gedichte zu entschlüsseln, und da ist es mit der Metrik auf den ersten Blick ganz schön kompliziert. Aber nur auf den ersten Blick.

Es gibt eine Handvoll Versmaße, die Horaz besonders oft benutzt. Das sind:

  • Asklepiadeus (in 5 verschiedenen Zusammensetzungen)
  • Sapphische Strophe (Sapphicum)
  • Alkäische Strophe (Alcaicum)

Woran erkenne ich das Versmaß?

Beim Erkennen helfen verschiedene Dinge: das Druckbild, der Aufbau und die Anzahl der Silben.

1) Das Druckbild

Alle Versmaße werden in einer bestimmten, charakteristischen Weise in der Literatur gedruckt. Zwei Beispiele:

Asklepiadeus I

Me doctarum hederae praemia frontium
dis miscent superis, me gelidum nemus
Nympharumque leues cum Satyris chori
secernunt populo, si neque tibias

Der Asklepiadeus I ist relativ unauffällig, weil jede Zeile gleich aussieht. Aber: Es gibt eigentlich nur zwei Strophenformen, bei denen das so ist! Nämlich den Asklepiadeus I, der kürzer ist, und den Asklepiadeus Maior:

Asklepiadeus Maior

Tu ne quaesieris (scire nefas) quem mihi, quem tibi
finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios
temptaris numeros. Vt melius quicquid erit pati!
Seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,

Sieht genauso aus? Falsch! Der Asklepiadeus Maior ist deutlich länger (darum heißt er auch maior) als der Asklepiadeus I. So können wir die beiden ganz gut auseinanderhalten. Und das sind die einzigen beiden Versmaße, die bei Horaz halbwegs oft vorkommen, und ohne Einrückungen gedruckt werden.

Asklepiadeus III

qui nunc te fruitur credulus aurea,
qui semper uacuam, semper amabilem
sperat, nescius aurae
fallacis. Miseri, quibus

Der Asklepiadeus III ist ziemlich eindeutig erkennbar: Der dritte und vierte Vers werden immer eingerückt, und sie sind viel kürzer als die anderen beiden.

Sapphische Strophe

tollat; hic magnos potius triumphos,
hic ames dici pater atque princeps,
neu sinas Medos equitare inultos
te duce, Caesar.

Ebenfalls mega-auffällig ist die sapphische Strophe: Der vierte Vers ist immer superkurz.

2) Der Aufbau

Die lyrischen Strophen haben alle einen festen Aufbau, der sich nicht verändert. Es sind immer Vierer-Pakete. Das hat man oben beim Druckbild schon gesehen.

Asklepiadeus 1 (Ode 1, 1) Asklepiadeus 2 (Ode 1, 6) Asklepiadeus 3 (Ode 1, 5)
Maecenas atauis edite regibus,
o et praesidium et dulce decus meum,
sunt quos curriculo puluerem Olympicum
collegisse iuuat metaque feruidis

euitata rotis palmaque nobilis
terrarum dominos euehit ad deos;
hunc, si mobilium turba Quiritium
certat tergeminis tollere honoribus;

illum, si proprio condidit horreo
quicquid de Libycis uerritur areis.
Gaudentem patrios findere sarculo
agros Attalicis condicionibus

(usw.)

Scriberis Vario fortis et hostium
uictor, Maeonii carminis alite,
quam rem cumque ferox nauibus aut equis
miles te duce gesserit.

Nos, Agrippa, neque haec dicere nec grauem
Pelidae stomachum cedere nescii,
nec cursus duplicis per mare Vlixei
nec saeuam Pelopis domum

conamur, tenues grandia, dum pudor
inbellisque lyrae Musa potens uetat
laudes egregii Caesaris et tuas
culpa deterere ingeni.

(usw.)

Quis multa gracilis te puer in rosa
perfusus liquidis urget odoribus
grato, Pyrrha, sub antro?
cui flauam religas comam,

simplex munditiis? Heu quotiens fidem
mutatosque deos flebit et aspera
nigris aequora uentis
emirabitur insolens,

qui nunc te fruitur credulus aurea,
qui semper uacuam, semper amabilem
sperat, nescius aurae
fallacis. Miseri, quibus

(usw.)

 = immer alle 4 gleich  = immer der 4. anders = immer 3. und 4. anders

3) Die Anzahl der Silben

Da das Metrum bei den lyrischen Versmaßen fest ist, bleibt auch die Anzahl der Silben immer gleich. Das können wir ausnutzen. Dadurch erkennen wir zum Beispiel ganz leicht:

  • „reiner“ Asklepiadeus (12 Silben)
  • Glykoneus (8 Silben)
  • Pherecrateus (7 Silben)
  • Sapphische Zeile (11 Silben)
  • Adoneus (5 Silben)
  • Alkäische Zeilen (11, 9 oder 10 Silben)
  • Asklepiadeus Maior (16 Silben)

Silben zählen ist echt einfach, dazu müssen wir überhaupt nichts können. Nehmen wir an, unser Gedicht fängt so an:

Tu ne quaesieris (scire nefas) quem mihi, quem tibi

Wir haben keine Ahnung, was das sein soll, also zählen wir einfach mal die Silben:

Tu ne quae-si-e-ris (sci-re ne-fas) quem mi-hi, quem ti-bi

Ich komme auf 16 Silben. Okay, Thema gegessen, das ist ein Asklepiadeus Maior. Es gibt keine alternative.

Mit dem Silbenzählen können wir fast alles eindeutig bestimmen, außer der sapphischen bzw. der alkäischen Strophe. Aber auch die finden wir später raus.

Strophenformen

Wie erkenne ich nun die verschiedenen Strophenformen, die sich untereinander ähnlich sind (z.B. die verschiedenen Asklepiadeen)? Dazu muss man sich den Aufbau ansehen. Es sind immer Vierer-Pakete.

Asklepiadeus

  • Asklepiadeus I: 4x 12 Silben (immer gleich)
  • Asklepiadeus II: 3x 12 Silben, 1x 8 Silben
  • Asklepiadeus III: 2x 12 Silben, 1x 7 Silben, 1x 8 Silben
  • Asklepiadeus IV: 8 Silben, 12 Silben, 8 Silben, 12 Silben
  • Asklepiadeus Maior: 4x 16 Silben (immer gleich)

Sapphische und alkäische Strophe

  • Sapphicum: 3x 11 Silben, 1x 5 Silben
  • Alcaicum: 2x 11 Silben, 1x 9 Silben, 1x 10 Silben

Und das Metrum?

Das eigentliche Metrum gibt ja nun die Längen und Kürzen an. Jetzt habe ich herausgefunden, dass ich einen Asklepiadeus vor mir habe – aber wie skandiere ich ihn?

Dazu muss man sich lediglich das Längen-Kürzen-Schema auswendig merken, denn die gehen ja immer gleich. Dazu kann man sich am besten einen Merksatz überlegen.

Asklepiadeus

_ _ _ v v _ | _ v v _ v v
FÜNF zehn WICH tel im WALD | STEHN auf dem GRAS hü gel

Klar? Die dick markierten Silben sind immer Längen, der Rest kürzen. Die Silben in Großbuchstaben werden betont.

Glykoneus

_ _ _ v v _ v v
GIB mir EI ne Ba NA ne, los!

Auch ganz einfach. Dicke Silben sind lang, Silben in Großbuchstaben sind betont.

Pherecrateus

_ _ _ v v _ _
ICH bin PHE re cra TE us!

Sapphische Zeile

_ v _ _ _ | v v _ v _ v
FAHR mit DEI nem RAD | o der KAUF ein AU to

Adoneus

_ v v _ v
GIB mir die KE kse!

Asklepiadeus Maior

_ _ _ v v _ | _ v v _ | _ v v _ v v
FÜNF zehn WICH tel im WALD | TRA la la LA | STEHN auf dem GRAS hü gel

Der Asklepiadeus Maior ist einfach ein verlängerter „normaler“ Asklepiadeus: in der Mitte wird an der Zäsur ein zusätzliches „tralalala“ eingefügt.

Elision

Es gibt zwei Fälle, in denen man aufpassen muss:

Wenn ein Wort mit einem Vokal aufhört und das nächste mit einem Vokal anfängt, wird der erste weggelassen.

„me opponere“ (eigentlich 5 Silben)

wird „m_opponere“ (4 Silben).

Wenn ein Wort auf „-um“ aufhört und das nächste imt einem Vokal anfängt, wird das „-um“ weggelassen.

„caelum ipsum“ (eigentlich 4 Silben)

wird „cael_ipsum“ (3 Silben).

Übungen

Okay, jetzt geht es ans Eingemachte. Druck dir die Blätter aus, zähle die Silben und finde heraus, welches Versmaß wo gilt. Wenn du es richtig gründlich machen willst, kannst du auch noch skandieren (dafür gibt es keine Musterlösungen, denn das geht ja immer gleich).

Übungen zum Asklepiadeus, Lösungen

Übungen zu Sapphicum und Alcaicum, Lösungen

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