De coniuratione Catilinae 26 – 30

Zu diesem Werk gibt es ein Spezialvokabular zur Vorbereitung.

[26] His rebus conparatis Catilina nihilo minus in proxumum annum consulatum petebat sperans, si designatus foret, facile se ex voluntate Antonio usurum. Neque interea quietus erat, sed omnibus modis insidias parabat Ciceroni. Neque illi tamen ad cavendum dolus aut astutiae deerant. Namque a principio consulatus sui multa pollicendo per Fulviam effecerat, ut Q. Curius, de quo paulo ante memoravi, consilia Catilinae sibi proderet; ad hoc collegam suum Antonium pactione provinciae perpulerat, ne contra rem publicam sentiret; circum se praesidia amicorum atque clientium occulte habebat. Postquam dies comitiorum venit et Catilinae neque petitio neque insidiae, quas consulibus in campo fecerat, prospere cessere, constituit bellum facere et extrema omnia experiri, quoniam, quae occulte temptaverat, aspera foedaque evenerant. Nachdem diese Dinge vorbereitet waren, erstrebte Catilina nichtsdestoweniger das Konsulat im nächsten Jahr und hoffte, wenn er gewählt würde, werde er an diesem leicht ein gefügiges Werkzeug haben. Aber er war inzwischen nicht untätig gewesen, sondern hatte dem Cicero mit allen Mitteln Fallen gestellt. Und diesem fehlten weder die Listigkeit noch die Schlauheit, sich davor zu hüten. Denn von Anfang seines Konsulats an hatte er durch viele Versprechungen Fulvia dazu gebracht, dass Quintus Curius, den ich kurz zuvor erwähnt habe, ihm Catilinas Pläne verraten hatte; zusätzlich hatte er seinen Kollegen Antonius durch ein Abkommen über eine Provinz dazu gedrängt, dass er keine feindselige Gesinnung gegen den Staat hege; um sich hatte er seine Freunde als und seine Klienten heimlichen Schutz. Nachdem der Tag der Wahlen gekommen war und sowohl Catilinas Bewerbung als auch seine Fallen, die er den Konsuln auf dem Marsfeld gestellt hatte, nicht wie gewünscht erfolgreich gewesen waren, beschloss er, den Krieg zu beginnen und die letzten Mittel zu versuchen, da ja die Dinge, die er heimlich zu tun versucht hatte, vergeblich und peinlich ausgegangen waren.
[27] Igitur C. Manlium Faesulas atque in eam partem Etruriae, Septimium quendam Camertem in agrum Picenum, C. Iulium in Apuliam dimisit, praeterea alium alio, quem ubique opportunum sibi fore credebat. Also schickte er den Gaius Manlius nach Faesulae und in diesen Teil Etruriens, einen gewissen Septimus Camertes auf das pikenische Land, den Gaius Iulius nach Apulien, außerdem andere anderswohin, wo auch immer er dachte, dass einer ihm dort von Nutzen sein würde.
Interea Romae multa simul moliri: consulibus insidias tendere, parare incendia, opportuna loca armatis hominibus obsidere; ipse cum telo esse, item alios iubere, hortari, uti semper intenti paratique essent; dies noctisque festinare, vigilare, neque insomniis neque labore fatigari. Postremo, ubi multa agitanti nihil procedit, rursus intempesta nocte coniurationis principes convocat per M. Porcium Laecam ibique multa de ignavia eorum questus docet se Manlium praemisisse ad eam multitudinem, quam ad capiunda arma paraverat, item alios in alia loca opportuna, qui initium belli facerent, seque ad exercitum proficisci cupere, si prius Ciceronem oppressisset; eum suis consiliis multum officere. Zwischenzeitlich setzte er in Rom vieles zugleich in Bewegung: den Konsuln stellte er Fallen, bereitete Brandstiftung vor, besetzte geeignete Orte mit bewaffneten Leuten; selbst trug er die Waffe, befahl es ebenso anderen, und ermahnte sie, dass sie immer gerüstet und kampfbereit sein sollten; Tag und Nacht eilte er umher, blieb wach, und wurde weder durch Müdigkeit noch durch Mühe erschöpft. Als für ihn trotz der vielen Schupfterei nichts vorankam, ließ er wiederum in einer stürmischen Nacht die Anführer der Verschwörung durch Marcus Porcius Laeca zusammen rufen und dort spricht er unter Klage viel über die Faulheit dieser Leute und erklärt, dass er Manlius zu der Menge vorgeschickt hat, die er vorbereitet hatte, um die Waffen zu ergreifen, und dass er ebenso andere an anderen geeignete Orte geschickt hat, die den Krieg beginnen würden, und dass er zum Heer vorstoßen wolle, wenn er nur erst den Cicero niedergeworfen hätte; jener sei seinen Machenschaften sehr hinderlich.
[28] Igitur perterritis ac dubitantibus ceteris C. Cornelius eques Romanus operam suam pollicitus et cum eo L. Vargunteius senator constituere ea nocte paulo post cum armatis hominibus sicuti salutatum introire ad Ciceronem ac de inproviso domi suae inparatum confodere. Curius ubi intellegit, quantum periculum consuli inpendeat, propere per Fulviam Ciceroni dolum, qui parabatur, enuntiat. Ita illi ianua prohibiti tantum facinus frustra susceperant. Interea Manlius in Etruria plebem sollicitare egestate simul ac dolore iniuriae novarum rerum cupidam, quod Sullae dominatione agros bonaque omnis amiserat, praeterea latrones cuiusque generis, quorum in ea regione magna copia erat, nonnullos ex Sullanis coloniis, quibus lubido atque luxuria ex magnis rapinis nihil reliqui fecerat. Da versprach – während die übrigen Leute erschrocken und zögerlich waren – in Gaius Cornelius, ein römischer Ritter, seine Arbeit zu tun, und er und Lucius Vargunteius, ein Senator, beschlossen, in jener Nacht wenig später mit Bewaffneten – wie zur Aufwartung – bei Cicero einzukehren und den Unvorbereiteten zuhause und unvorhergesehen zu erstechen. Als Curius erfuhr, was für eine große Gefahr dem Konsul drohte, beeilte er sich, Cicero diesen Anschlag, der vorbereitet wurde, durch Fulvia melden zu lassen. So wurden sie schon an der Tür abgewiesen und unternahmen dieses große Verbrechen vergeblich. Inzwischen versuchte Manlius in Etrurien, den Pöbel aufzumischen, der zugleich wegen seiner Armut und wegen seiner Trauer gierig nach einem Umsturz war, weil er nach Sullas Herrschaft allen Land- und Güterbesitz verloren hatte; außerdem auch Straßenräuber jeder Art, von denen es in dieser Gegend eine große Fülle gab, und einige aus den sullanischen Kolonien, deren Gier und Verschwendungssucht dafür gesorgt hatten, dass von ihrem großen Raubreichtum nichts übrig geblieben war.
[29] Ea cum Ciceroni nuntiarentur, ancipiti malo permotus, quod neque urbem ab insidiis privato consilio longius tueri poterat, neque exercitus Manli quantus aut quo consilio foret satis compertum habebat, rem ad senatum refert iam antea vulgi rumoribus exagitatam. Itaque, quod plerumque in atroci negotio solet, senatus decrevit darent operam consules ne quid res publica detrimenti caperet. Ea potestas per senatum more Romano magistratui maxuma permittitur: exercitum parare, bellum gerere, coercere omnibus modis socios atque civis, domi militiaeque imperium atque iudicium summum habere; aliter sine populi iussu nullius earum rerum consuli ius est. Als diese Dinge Cicero gemeldet wurden, war er zutiefst erschrocken über dieses zweigestaltige Übel, weil er weder die Stadt auf eigene Faust vor diesen Plänen länger schützen konnte, noch genau genug erfahren hatte, wie groß das Heer des Manlius war oder welche Pläne es verfolgte. Daher trug er die Sache vor dem Senat vor, der schon zuvor durch die Gerüchte unter den Leuten schwer aufgeregt worden war. Deshalb – wie er es meistens bei blutigen Angelegenheiten zu tun pflegt – entschied der Senat, dass die Konsuln zusehen sollten, dass der Staat keinen Schaden davontrage. Jene größte Befehlsgewalt wurde durch den Senat nach römischer Sitte dem Beamten anvertraut: ein Heer aufzustellen, Krieg zu führen, die Bundesgenossen und Bürger mit allen Mitteln zu beherrschen, zuhause und im Krieg höchste Befehls- und Gerichtsgewalt zu führen. Anders sind diese Dinge – ohne Auftrag des Volkes – für einen Konsul nicht rechtlich möglich.
[30] Post paucos dies L. Saenius senator in senatu litteras recitavit, quas Faesulis adlatas sibi dicebat, in quibus scriptum erat C. Manlium arma cepisse cum magna multitudine ante diem VI. Kalendas Novembris. Simul, id quod in tali re solet, alii portenta atque prodigia nuntiabant, alii conventus fieri, arma portari, Capuae atque in Apulia servile bellum moveri. Wenige Tage später las der Senator Lucius Saenius im Senat einen Brief vor, von dem er sagte, er sei ihm aus Faesulae zugetragen worden, in dem geschrieben stand, dass Gaius Manlius mit einer großen Menge am Tag vor den 6. Kalenden des Novembers zu den Waffen gegriffen habe. Zugleich – wie es bei solchen Angelegenheiten zu geschehen pflegt – berichteten andere über Wunder und Vorzeichen, andere, dass Versammlungen stattfänden, dass Waffen umhergeschleppt würden, und dass die Sklavenschaft Capuas und in Apulien zum Krieg aufgebracht würde.
Igitur senati decreto Q. Marcius Rex Faesulas, Q. Metellus Creticus in Apuliam circumque ea loca missi—hi utrique ad urbem imperatores erant, impediti ne triumpharent calumnia paucorum, quibus omnia honesta atque inhonesta vendere mos erat—sed praetores Q. Pompeius Rufus Capuam, Q. Metellus Celer in agrum Picenum eisque permissum uti pro tempore atque periculo exercitum conpararent. Ad hoc, si quis indicavisset de coniuratione quae contra rem publicam facta erat, praemium servo libertatem et sestertia centum, libero inpunitatem eius rei et sestertia ducenta itemque decrevere uti gladiatoriae familiae Capuam et in cetera municipia distribuerentur pro cuiusque opibus, Romae per totam urbem vigiliae haberentur eisque minores magistratus praeessent. Daher wurden auf Dekret des Senats der Quintus Marcius Rex nach Faesulae und der Quintus Metellus Creticus nach Apulien und in die Gegend um Apulien herum geschickt – jene beiden lagen mit Heeren vor der Stadt und wurden durch die Schurkereien weniger Leute, die es gewohnt waren, alle Ehren und Ehrlosigkeiten zu verkaufen, daran gehindert, zu triumphieren – aber die Praetoren Quintus Pompeius Rufus nach Capua und Quintus Metellus Celer auf das pikenische Land, denen es auf Zeit und wegen der Gefahr erlaubt wurde, dass sie ein Heer aufstellten. Zudem wurde als Lohn beschlossen, wenn jemand über die Verschwörung aussagte, die gegen den Staat begangen wurde, für einen Sklaven die Freiheit und hunderttausend Sesterzen, und für einen Freien die Straffreiheit in dieser Sache und zweihunderttausend Sesterzen. Ebenso beschlossen sie, dass Gladiatorentruppen nach Capua und in die übrigen Munizipien verteilt werden sollten, um ihre jeweiligen Kampftruppen zu stärken, und dass in der ganzen Stadt Rom Wache gehalten werden sollte und die niederen Beamten dafür verantwortlich sein sollten.

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De coniuratione Catilinae 11 – 15

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[11] Sed primo magis ambitio quam avaritia animos hominum exercebat, quod tamen vitium propius virtutem erat. Nam gloriam, honorem, imperium bonus et ignavus aeque sibi exoptant; sed ille vera via nititur, huic quia bonae artes desunt, dolis atque fallaciis contendit. Avaritia pecuniae studium habet, quam nemo sapiens concupivit: ea quasi venenis malis inbuta corpus animumque virilem effeminat, semper infinita, insatiabilis est, neque copia neque inopia minuitur. Sed postquam L. Sulla armis recepta re publica bonis initiis malos eventus habuit, rapere omnes, omnes trahere, domum alius, alius agros cupere, neque modum neque modestiam victores habere, foeda crudeliaque in civis facinora facere. Huc accedebat, quod L. Sulla exercitum, quem in Asia ductaverat, quo sibi fidum faceret, contra morem maiorum luxuriose nimisque liberaliter habuerat. Loca amoena, voluptaria facile in otio ferocis militum animos molliverant. Ibi primum insuevit exercitus populi Romani amare, potare, signa, tabulas pictas, vasa caelata mirari, ea privatim et publice rapere, delubra spoliare, sacra profanaque omnia polluere. Igitur ii milites, postquam victoriam adepti sunt, nihil reliqui victis fecere. Quippe secundae res sapientium animos fatigant: ne illi corruptis moribus victoriae temperarent. Aber anfangs beschäftigte eher Ehrgeiz als Geldgier die Herzen der Menschen, weil dieser Makel noch näher an der Tugend war. Denn Ruhm, Ehre und Herrschaft wünschten sich der Gute und der Unfähige gleichermaßen; aber der eine bemühte sich um den rechten Weg, und weil dem anderen die guten Fähigkeiten fehlten, bemühte er sich durch Listen und Betrügereien. Gier nach Geld, welche niemand, der Weise ist, ernstlich würnschen kann, besitzt „Eifer“: sie verweichlicht den Körper und das männliche Herz, als sei sie mit üblem Gift getränkt, ist immer endlos und maßlos und weder durch Reichtum noch durch Armut wird sie vermindert. Aber nachdem Lucius Sulla den Staat durch Waffengewalt beherrscht hatte und nach guten Anfängen schlechte Ergebnisse hervorgebracht hatte, plünderten alle, rafften alles an sich, begehrten des einen Haus, des anderen Land, Sieger kannten weder Maß noch Mäßigung, und hässliche und grausame Verbrechen begingen sie gegen die Bürger. Dem kam noch hinzu, dass Lucius Sulla das Heer, das er nach Asien geführt hatte, um sich seiner Treue zu versichern, gegen die Sitte der Vorfahren ausschweifend und zu freizügig führte. Schöne Orte und Vergnügen erweichten die wilden Herzen der Soldaten in Muße. Dort gewöhnte sich das Heer des römischen Volkes zum ersten Mal daran zu lieben, zu zechen, Feldzeichen und Gemälde und verzierte Vasen zu bewundern, sie heimlich und offen zu rauben, Tempel zu schänden und alle heiligen und weltlichen Dinge zu entehren. So handelten diese Soldaten, nachdem sie den Sieg davongetragen hatten, und ließen den Besiegten nichts zurück. Die glücklichen Umstände ermüdeten sogar die Herzen der Weisen, geschweige dass sie sich bei ihren verdorbenen Sitten bei einem Sieg hätten mäßigen können.
[12] Postquam divitiae honori esse coepere et eas gloria, imperium, potentia sequebatur, hebescere virtus, paupertas probro haberi, innocentia pro malevolentia duci coepit. Igitur ex divitiis iuventutem luxuria atque avaritia cum superbia invasere: rapere, consumere, sua parvi pendere, aliena cupere, pudorem, pudicitiam, divina atque humana promiscua, nihil pensi neque moderati habere. Operae pretium est, cum domos atque villas cognoveris in urbium modum exaedificatas, visere templa deorum, quae nostri maiores, religiosissumi mortales, fecere. Verum illi delubra deorum pietate, domos suas gloria decorabant neque victis quicquam praeter iniuriae licentiam eripiebant. At hi contra, ignavissumi homines, per summum scelus omnia ea sociis adimere, quae fortissumi viri victores reliquerant: proinde quasi iniuriam facere id demum esset imperio uti. Nachdem Reichtum angefangen hatte, als Ehre zu gelten, und Ruhm, Herrschaft und Macht ihm folgten, stumpfte die Tugend ab, wurde der Bescheidene arm, und Uneigennützigkeit begann, für Mißgunst gehalten zu werden. Also ergriffen, ausgehend vom Reichtum, die Verschwendungssucht und die Gier, gemeinsam mit dem Hochmut, die Jugend: sie raubten und verschwendeten, achteten den eigenen Besitz minder, begehrten aber fremden, und besaßen weder schwer beladen noch in Maßen Scham, Sittsamkeit und hielten göttliche und menschliche Belange für einerlei. Die Mühe lohnt sich – weil man die Häuser und Villen erkennen kann, die nach der Art der Stadt gebaut wurden -, die Tempel der Götter zu besuchen, welche unsere Vorfahren, höchst fromme Menschen, gebaut haben. Aber jene schmückten ihre Tempel aus Liebe zu den Göttern und ihre Häuser wegen des Ruhms, und sie raubten den Besiegten nichts außer der Gelegenheit zum Unrecht. Aber jene hingegen, höchst faule Menschen, raubten durch größtes Verbrechen ihren Bundesgenossen all das, was höchst tapfere Männer ihnen als Sieger zurückgelassen hatten: daher war das Begehen von Unrecht und das Ausüben von Herrschaft schließlich dasselbe.
[13] Nam quid ea memorem, quae nisi iis, qui videre, nemini credibilia sunt: a privatis compluribus subvorsos montis, maria constrata esse? Quibus mihi videntur ludibrio fuisse divitiae: quippe, quas honeste habere licebat, abuti per turpitudinem properabant. Sed lubido stupri, ganeae ceterique cultus non minor incesserat: viri muliebria pati, mulieres pudicitiam in propatulo habere; vescendi causa terra marique omnia exquirere; dormire prius, quam somni cupido esset; non famem aut sitim, neque frigus neque lassitudinem opperiri, sed omnia luxu antecapere. Haec iuventutem, ubi familiares opes defecerant, ad facinora incendebant: animus inbutus malis artibus haud facile lubidinibus carebat; eo profusius omnibus modis quaestui atque sumptui deditus erat. Denn wozu soll ich erwähnen, was niemandem außer denen, die es sahen, glaubwürdig scheint: dass von Privatmännern etliche Berge vernichtet wurden und Meere überdeckt wurden? Die Leute scheinen mir den Reichtum verspottet zu haben: denn sie beeilten sich, diesen Reichtum, den sie ehrenhaft besitzen durften, mit Schändlichkeit zu missbrauchen. Aber die Lust auf Schändlichkeit, Erfrischung und anderen Üppigkeiten trat hier nicht weniger ein: die Männer duldeten Weibisches, die Frauen trugen ihre Keuschheit zur Schau; um zu schlemmen, erforschten sie alles Land und Meer; sie gingen früher schlafen, als ein Wunsch nach Schlaf eintrat; nicht Hunger und Durst, nicht Kälte und Müdigkeit warteten sie ab, sondern sie kamen allem durch Ausschweifung zuvor. Jene Dinge stachelten die Jugend, sobald das Erbe durchgebracht war, zu Verbrechen an: ihr Herz war getränkt mit üblen Künsten und wurde nur unter Mühe frei von Begierden; es war daher in jeder Weise ziemlich maßlos Verlangen und Verbrauch ausgeliefert.
[14] In tanta tamque corrupta civitate Catilina, id quod factu facillumum erat, omnium flagitiorum atque facinorum circum se tamquam stipatorum catervas habebat. Nam quicumque inpudicus, adulter, ganeo, manu, ventre, pene bona patria laceraverat quique alienum aes grande conflaverat, quo flagitium aut facinus redimeret, praeterea omnes undique parricidae, sacrilegi, convicti iudiciis aut pro factis iudicium timentes, ad hoc, quos manus atque lingua periurio aut sanguine civili alebat, postremo omnes, quos flagitium, egestas, conscius animus exagitabat, ii Catilinae proxumi familiaresque erant. Quod si quis etiam a culpa vacuus in amicitiam eius inciderat, cotidiano usu atque illecebris facile par similisque ceteris efficiebatur. Sed maxume adulescentium familiaritates adpetebat: eorum animi molles etiam et fluxi dolis haud difficulter capiebantur. Nam ut cuiusque studium ex aetate flagrabat, aliis scorta praebere, aliis canes atque equos mercari; postremo neque sumptui neque modestiae suae parcere, dum illos obnoxios fidosque sibi faceret. Scio fuisse nonnullos, qui ita existumarent: iuventutem, quae domum Catilinae frequentabat, parum honeste pudicitiam habuisse; sed ex aliis rebus magis quam quod cuiquam id compertum foret, haec fama valebat. In einer so beschaffenen, so verdorbenen Gesellschaft versammelte Catilina – was dort äußerst einfach war – eine Schar von Schandbuben und Verbrechern wie Leibwächter um sich. Denn wer auch immer an schamlosen ehebrecherischen Geldverschwendern – sei es mit der Hand, sei es mit dem Bauch – das Erbe durchgebracht hatte, wer große Schulden angehäuft hatte, um sich von einer Schandtat oder einem Verbrechen freizukaufen, außerdem alle Mörder von überall her, Tempelschänder, von Gerichten verurteilte oder für ihre Taten einen Richtspruch fürchtende, dazu noch die, welche sich mit den Händen durch bürgerliches Blut oder mit der Zunge durch Meineid ernährten, schließlich alle, die von Schandtat, Armut oder einem daran beteiligten Herzen geplagt waren, – diese Leute waren Catilinas beste Freunde und standen ihm am nächsten. Wenn aber jemand auch frei von Schuld mit ihm in Freundschaft geraten war, wurde er durch den täglichen Umgang und seine Verlockungen leicht den Übrigen ähnlich gemacht. Aber am meisten erstrebte er die Verbundenheit mit der Jugend: Deren Herzen waren weich und waren sehr leicht durch Listen beeinflussbar. Denn sobald der Eifer eines jeden wegen seines Alters aufloderte, gewährte er den einen Huren, den anderen drehte er Hunde und Pferde an; schließlich schonte er weder Ausgaben noch seine Mäßigung, wenn er sie abhängig und sich treu machte. Ich weiß, dass es einige gab, die so dachten: die Jugend, die das Haus Catilinas regelmäßig besuchte, besaß ehrlich zu wenig Anstand; aber dieses Gerücht entstand eher aus anderen Gründen, als dass irgendjemand das genau gewusst hätte.
[15] Iam primum adulescens Catilina multa nefanda stupra fecerat, cum virgine nobili, cum sacerdote Vestae, alia huiusce modi contra ius fasque. Postremo captus amore Aureliae Orestillae, cuius praeter formam nihil umquam bonus laudavit, quod ea nubere illi dubitabat timens privignum adulta aetate, pro certo creditur necato filio vacuam domum scelestis nuptiis fecisse. Quae quidem res mihi in primis videtur causa fuisse facinus maturandi. Namque animus inpurus, dis hominibusque infestus, neque vigiliis neque quietibus sedari poterat: ita conscientia mentem excitam vastabat. Igitur color ei exsanguis, foedi oculi, citus modo, modo tardus incessus: prorsus in facie vultuque vecordia inerat. Schon gleich in der Jugend beging Catilina viel unanständige Hurerei, mit einer adligen Frau, mit einer Priesterin der Vesta, und andere Dinge dieser Art gegen menschliches und göttliches Gesetz. Schließlich verliebte er sich in die Aurelia Orestilla, an der – außer ihrer Schönheit – kein guter Mann jemals etwas gelobt hat, und weil sie zögerte, ihn zu heiraten, da sie den erwachsenen Sohn Catilinas fürchtete, glaubt man mit Sicherheit, dass er sein Haus durch einen Mord an seinem Sohn für diese verbrecherische Ehe freigeräumt habe. Jene Sache scheint mir freilich besonders ein Grund für seine ansteigende Verbrecherkarriere gewesen zu sein. Denn sein unanständiges Herz, reich und feindselig gegenüber den Menschen, konnte sich weder wach noch schlafend beruhigen: so sehr verwüstete sein Wissen (um Verbrechen) seinen aufgescheuchten Geist. Daher wurde seine Gesichtsfarbe bleich, sein Blick verächtlich, bewegte er sich bald flink, bald träge: Wahnsinn wohnte gänzlich in seinen Zügen und in seinem Gesichtsausdruck.

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De coniuratione Catilinae 05 – 10

Sallust schrieb seine Erörterung über die Catilinarische Verschwörung etwa im Jahre 41 v. Chr. und somit etwa zwanzig Jahre nach den Ereignissen. Somit konnte er nicht nur Zeitzeugen befragen; er selbst war Zeuge vieler der Ereignisse gewesen, die er in seinem Geschichtswerk beschreibt. Obwohl Sallusts Geschichtsschreibung zweifellos den Zweck verfolgt, dem Leser gewisse moralische Aspekte zu verdeutlichen, hält man Sallust heute für einen der zuverlässigsten Historiker seiner Zeit. Der ursprüngliche Titel des Werkes ist nicht überliefert; im Allgemeinen hat sich als Titel „De coniuratione Catilinae“ (Über die Verschwörung des Catilina) durchgesetzt, da dieser Titel schlichtweg aus dem Proömium abgeschrieben ist (IV: „Igitur de Catilinae coniuratione (…) absolvam;“ – „Deshalb werde ich über die Verschwörung des Catilina berichten.“). Der zweite, gängige Titel „Bellum Catilinae“ (Der Krieg des Catilina) ist etwas abwegiger, da er nicht im Text belegt ist und somit „frei erfunden“ ist.